reflections

Ich lebe noch

auch wenn ich schon lange nichts mehr geschrieben habe aber dafür hat mir die Kraft einfach nicht gereicht. Hört sich jetzt dramatischer an als es wohl ist aber ich fand die Zeit vor Pfingsten – vor unserem recht schönen Urlaub in der Türkei als recht stressig.

Stress machte mir dabei am meisten mein verwitweter Vater der zusehend immer verwirrter wird. Nachdem mich inzwischen mehrere Leute aus seinem Bekanntenkreis anriefen und mir schilderten, dass mein Vater wohl im Krankenhaus nach meiner Mutter fragt, habe ich – neben meinen Bemühungen ihn für das betreute Wohnen in dem echt schönen Parkwohnstift zu begeistern und ihn dort unterzubringen – einen Termin bei seinem Hausarzt zusammen mit mir gemacht.

Er willigte sogar ein und ich war etwas ungehalten als er am Morgen des Arzttermins meinte, wenn es mir Spaß mache, könne ich ihm beim Arzt „das Händchen halten“. Da habe ich ihm nicht gerade freundlich erklärt, dass ich andere Hobbies habe als ihn zum Arzt zu begleiten, was ihn dann dazu brachte nichts mehr zu sagen und sich pünktlich in der Arztpraxis einzufinden.

Beim Arzt stritt er natürlich ab, dass er verwirrt sei und willigte dann ein, dass ich für ihn einen Termin bei einem Neurologen ausmachen könne. Beim Verlassen der Praxis kam wieder die inzwischen übliche Leier, dass er nicht mehr leben wolle und er haderte zudem damit, dass er in der kommenden Woche in das Parkwohnstift gehen sollte (was er nach langem hin und her nun doch wollte) um dort 2 Wochen Probe zu wohnen.

Ich organisierte dann den Termin bei der Neurologin und bekam schon 2 Tage später einen Termin (Papa ist schließlich Privatpatient, da geht so einiges, wie ich jetzt hautnahe mitbekomme). Als ich am Morgen zum vereinbarten Termin in die Praxis kam und auch mein Vater recht pünktlich dort war, war ich freudig überrascht, dass eine von meinen Mitturnerinnen im Turnverein die Ärztin ist, was ich nicht wusste, da wir uns ja nur mit Vornamen ansprechen und auch der Beruf kein Thema ist. Sie machte einen Test mit ihm und wollte, dass er noch in die Klinik zum MRT geht. Auch da gab es für den ehemaligen Beamten und Privatpatient wieder sehr schnell einen Termin.

Danach galt es das zweite Unterfangen – die 2 Wochen Probe wohnen im Parkwohnstift zu organisieren – da er Montag Morgen dort sein sollte, sind mein Mann und ich am Sonntag zu ihm gefahren um ihm mit dem packen zu helfen. Ich hatte ihm telefonisch angekündigt, dass wir kommen und ihm gesagt er solle schon mal anfangen zu packen und schauen, dass er genügend Wäsche für den Anfang hat. Als wir kamen, war er fest davon überzeugt, dass er dort ja nicht übernachten würde und keine Sachen bräuchte, gleichzeitig sprach er davon, dass er ja nun seine Wohnung kündigen müsse. Seine Wohnung war zudem wieder im chaotischen Zustand und seinen Kühlschrank, den ich inzwischen schon mehrmals entmüllt und ausgewaschen hatte, wollte ich lieber nicht sehen, dass wollte ich dann machen wenn er im Parkwohnstift ist. Wir schaffen es dann doch einen kleinen Koffer zu packen und sagten ihm, dass wir ihn am nächsten Morgen abholen würden.

Als wir am nächsten Morgen ankamen, hatte er den Koffer wieder ausgepackt und hatte beschlossen zwar dort hin zu gehen aber nicht zu übernachten. Nachdem wir ihm wieder erklärt haben, dass er schon 2 Wochen dort hin soll und es wie ein Urlaub sein soll, konnten wir, wenn auch unter erschwerten Bedingungen packen – er wollte dann plötzlich noch seine Stereoanlage und seinen Fernseher mitnehmen. Nach über einer Stunde haben wir es dann geschafft ihn dort hin zu bringen. Beim Verlassen der Wohnung trafen wir noch auf 2 Nachbarn, die es gut fanden, dass er dort hin geht und die ihm versicherten, dass er sich dort wohlfühlen würde. Mein Vater war aber trotzdem nicht so wirklich begeistert und ging mit einer sehr bedrückten Miene ins Wohnstift.

Mit entsprechender Miene betrat mein Vater dann zusammen mit uns die Einrichtung und schon bald kam die nette Mitarbeiterin, mit der mein Vater 2 Wochen zuvor den Antrag auf Probewohnen ausgefüllt hatte und zeigte ihm gleich sein liebevoll hergerichtetes Appartement das zudem noch einen herrlichen Blick vom Balkon in den liebevoll gestalteten kleinen Park hatte. Selbst mein Vater fand das jetzt gar nicht so schlecht und da alles sehr lange gedauert hatte, begleitete ich ihn noch in den Speisesaal da schon Zeit zum Mittagessen war. Auch dort wurde er freundlich empfangen und man zeigte ihm seinen Platz. Der Mitarbeiter dort fragte ob ich mitessen wollte, was ich allerdings verneinte. Dann erklärte er meinem Vater, dass es jeden Tag ein 4-Gänge-Menue gäbe. Daraufhin meinte mein Vater, der figurmässig ein „Strich in der Landschaft“ ist, dass er dann ja aufpassen müsste, dass er nicht zu dick werde. Das war dann ein Volltreffer, denn der Mitarbeiter schaute uns beide sehr verwundert an und ging dann leicht Kopfschüttelnd weg um noch Besteck zu holen. Trotz allem war mein Vater dann gleich in ein Gespräch mit einem Mann am Platz vertieft und ich konnte mich ohne schlechtes Gewissen verabschieden und zu meinem Mann und unserem Hund, die beide am Ausgang warteten gehen. Etwas erleichtert und in der Hoffnung, dass es meinem Vater dort gefällt sind wir wieder nach Hause gefahren.

Am nächsten Morgen hat mein Mann dann zum Frühstück nach meinem Vater geschaut, der wohl recht vergnügt im Speisesaal saß und es sich schmecken ließ. Erleichtert machte ich mich an meinen Haushalt und entspannte mich.

Gegen Mittag kam dann ein Anruf vom Parkwohnstift – mein Vater hätte „ausgecheckt“. Er hätte seine Sachen gepackt und an der Rezeption gesagt, das wäre hier nichts für ihn, er sei ja noch nicht alt. Es wäre zwar sehr schön aber er wolle sich diese Art von wohnen für später aufheben, wenn er es alleine nicht mehr schaffen würde. Na prima, dachte ich und etwa eine Stunde später rief mein Vater dann von Zuhause aus an, er sei wieder daheim und wolle dort bleiben. Er brauche keine Hilfe und käme alleine zurecht und wir sollen uns nicht mehr um ihn kümmern.

Wieder ein Tag später bekam ich schon wieder einen Anruf vom Parkwohnstift – dieses Mal am Nachmittag, dass mein Vater dort beim Mittagessen gewesen sei und sich völlig überrascht zeigte, als man ihn darauf ansprach, dass er dort nicht mehr untergebracht sei. Er wohne doch jetzt hier und er hätte auch in seinem Appartement übernachtet. Die Mitarbeiterin vom Parkwohnstift meinte, dass sie das Zimmer nun die vereinbarten 14 Tage für ihn bereit halten würden und er im Prinzip kommen und gehen könne wie er das wollte. Vielleicht, meinte sie, gewöhne er sich auch noch ein. Das fand ich eine gute Idee und war erleichtert, dass dies so unkompliziert trotz der Schwierigkeiten laufen konnte.

Doch die scheinbare Lösung wähnte nicht lange, denn 2 Tage später kam schon wieder ein Anruf vom Parkwohnstift, dass sie meinen Vater nun endgültig gehen lassen würden, da er schon wieder gepackt hätte und er zudem nachts sein Appartement nicht mehr gefunden hätte und er doch sehr verwirrt sei, so dass diese Art zu wohnen zu offen sei und sie die Betreuung, die er bräuchte nicht leisten können. Sie würden ihn auch grundsätzlich nicht in ihre Einrichtung aufnehmen. Später kam dann auch noch der Anruf von ihm von Zuhause aus mit den üblichen Anmerkungen.

In der Woche darauf hatte er dann seinen Termin im Krankenhaus zum MRT. Ich rief ihn morgens an, um ihn an den Termin der nachmittags war zu erinnern. Er war etwas unwillig da so schönes Wetter war und er viel lieber schwimmen gehen wollte, ließ sich aber darauf ein und war recht pünktlich vor dem Krankenhauseingang.

Schon am Eingang des Krankenhauses war er genervt und fragte mich, wer denn veranlasst hätte, dass er jetzt zum MRT müsse. Geduldig erklärte ich ihm dann, dass wir beim Arzt waren und dass die Neurologin das zur Diagnostik haben wolle. Er war weiterhin ungehalten und wir gingen in das vollbesetzte Wartezimmer. Dort lief er dann zu „Hochform“ auf. Er fing an mich zu beschimpfen, ich wolle ihn nur für unmündig erklären lassen, wir wollten ihn abschieben usw. Die anderen Leute im Wartezimmer verfolgten gespannt unseren Dialog und ich fühlte mich geschimpft wie ein kleines Mädchen und versuchte ihn zu beschwichtigen. Nach einer Weile überlegte ich aber was meine Therapeutin wohl zu dieser Situation sagen würde und mir kam der Gedanke, dass ich mir das nicht gefallen lassen müsse. Also überlegte ich weiter, wie ich nun erwachsen und souverän aus der Situation heraus kommen könne.

Nachdem mein Vater noch eine Weile weiter geschimpft hatte, stand ich nun auf, drückte meinem Vater den Überweisungsschein in die Hand und sagte, dass er, wenn er nicht zum MRT wolle, der Sprechstundenhilfe hier Bescheid geben solle, ich für meinen Teil würde jetzt wieder nach Hause fahren, da er meine Hilfe ja offensichtlich nicht wolle. Dann habe ich mich freundlich verabschiedet und bin aus der Tür gegangen. Mit zugegebenen weichen Knien und Herzklopfen bin ich aus dem Krankenhaus heraus gegangen zu meinem Fahrrad gelaufen und nach Hause gefahren.

Als ich Zuhause angekommen bin, war mein Mann, der von Zuhause arbeitete, erstaunt, dass ich schon wieder da bin und ich erzählte ihm wie es sich zugetragen hatte. Daraufhin fand er dass ich das richtig gemacht hätte und ich war total erleichtert und sogar etwas stolz auf mich. Ich hatte mich mal nicht nieder machen lassen und bin selbstbewusst und erwachsen aus einer schwierigen Situation herausgekommen.

In den folgenden Tagen haben wir nicht mehr viel von meinem Vater gehört und kurz vor unserem Urlaub meldete sich noch eine ehemalige jüngere Kollegin meiner Mutter, die wild entschlossen ist meinen Vater gemeinsam mit einer anderen Kollegin zu betreuen. Eigentlich sollten wir uns, nach Rücksprache mit seinem Hausarzt und nach den Vorfällen der letzten Wochen, nicht mehr um meinen Vater kümmern, damit er merkt, dass er nicht mehr alleine klar kommt. Aber das war der Kollegin nicht zu vermitteln und da sie dazu wild entschlossen war habe ich beschlossen es jetzt erst Mal so laufen zu lassen.

Und dann war es endlich Zeit die Sachen für den 2-wöchigen Sommerurlaub in der Türkei zu packen. …...

29.6.17 12:54

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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Everlost (6.7.17 14:43)
Endlich wieder ein Eintrag. Habe öfters mal vorbei geschaut und gehofft, dass du einfach nicht die Zeit gefunden hast etwas zu notieren.
Ich freue mich schon auf deinen Bericht vom Urlaub!
Schöne Grüße

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